Die Konbini kommen: Haben japanische Convenience Stores langfristig eine Chance in Deutschland?
Japanische Convenience Stores, auch bekannt als Konbini, gehören in vielen Teilen der Welt längst zum urbanen Alltag. Ketten wie 7-Eleven, GS25, FamilyMart oder Lawson prägen das Stadtbild in Japan, Südkorea, Thailand oder Taiwan und sind auch in Nordamerika weit verbreitet. Nun rückt Europa stärker in den Fokus – und damit erneut auch Deutschland. Doch stellt sich für Euch die entscheidende Frage: Sind Konbini mit ihrem Konzept hierzulande überhaupt konkurrenzfähig?
Zweiter Anlauf: 7-Eleven blickt wieder nach Deutschland
Bereits vor rund zwanzig Jahren wollte 7-Eleven in Deutschland Fuß fassen. Damals kündigte ein Lizenznehmer an, zunächst eine Filiale in Berlin zu eröffnen und das Netz anschließend auf bis zu 100 Standorte auszubauen. Diese Pläne wurden jedoch nie realisiert.
Heute ist die Ausgangslage deutlich verändert. Die japanische Muttergesellschaft Seven & i Holdings verfolgt eine langfristige, globale Wachstumsstrategie. Weltweit betreibt 7-Eleven inzwischen über 84.000 Filialen in 19 Ländern. Besonders stark ist die Präsenz im asiatisch-pazifischen Raum sowie in Nordamerika. Bis 2030 soll das Netzwerk auf 30 Länder anwachsen – Deutschland spielt dabei eine strategische Rolle, gerade wegen seiner wirtschaftlichen Stärke und urbanen Zentren.
Was Konbini so besonders macht
Konbini sind weit mehr als kleine Läden für den schnellen Einkauf. Sie sind hochoptimierte Nahversorger, die exakt auf moderne, urbane Lebensstile zugeschnitten sind. In Japan gelten sie als unverzichtbarer Bestandteil des täglichen Lebens.
Typische Merkmale japanischer Konbini sind:
- Rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten, oft 24/7
- Fußläufige Erreichbarkeit in Wohn- und Bürovierteln
- Große Auswahl an frischen Lebensmitteln und Fertiggerichten
- Zusatzservices wie Geldautomaten, Paketannahme, Ticketverkauf, Kopierer oder Postdienste
Gerade für Berufstätige, Singles oder Studierende mit wenig Zeit fungieren Konbini als eine Art dauerhaft verfügbarer Ersatzkühlschrank – zuverlässig, schnell und flexibel nutzbar.
Frische als System: Logistik auf höchstem Niveau
Ein zentraler Erfolgsfaktor der Konbini ist ihre ausgeklügelte Logistik. Viele Filialen werden bis zu drei Mal täglich beliefert, um maximale Frische zu gewährleisten. Dabei arbeitet 7-Eleven mit sogenannten kombinierten Verteilzentren, die nicht nach Filialen oder Herstellern, sondern nach Temperaturzonen organisiert sind.
Beispiele:
- warme Speisen bei ca. 20 °C
- Sandwiches, Salate und Reisgerichte bei rund 5 °C
- Tiefkühlprodukte in separaten Lieferketten
Dieses System erlaubt eine extrem hohe Umschlagrate und minimiert Lebensmittelverluste – ein Aspekt, der auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Tanpin Kanri: Sortimente nach Daten statt Intuition
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist das japanische Prinzip „Tanpin Kanri“. Jede Filiale entscheidet täglich neu, welche Produkte angeboten werden. Grundlage sind:
- Verkaufsdaten aus den Kassensystemen
- Erfahrungswerte der Mitarbeitenden
- Tageszeit, Wetter und lokale Nachfrage
Von rund 4.800 zentral gelisteten Produkten führt eine einzelne Filiale meist nur etwa 2.800 Artikel. Jede Woche werden rund 100 neue Produkte eingeführt, während ein Großteil des Sortiments innerhalb eines Jahres wieder verschwindet. Das Ergebnis: hohe Aktualität, lokale Relevanz und ein ständig wechselndes Angebot.
Der deutsche Markt: Chancen und strukturelle Hürden
Ob Konbini in Deutschland erfolgreich sein können, ist offen. Eine der größten Hürden bleiben die strengen gesetzlichen Ladenöffnungszeiten. Spontane Einkäufe am Abend oder Sonntag sind bislang vor allem an Tankstellen, Kiosken oder Bahnhöfen möglich.
Gleichzeitig stehen Tankstellen unter zunehmendem wirtschaftlichem Druck. Umsätze mit Kraftstoffen und Tabakwaren gehen strukturell zurück. Entsprechend suchen Betreiber nach neuen Erlösquellen. Internationale Gruppen wie Circle K investieren bereits massiv in Convenience-Konzepte an Tankstellen – ein Umfeld, in dem auch 7-Eleven ansetzen könnte.
Kioske als potenzielle Brücke zum Konbini-Modell
Ein weiterer Ansatzpunkt könnten klassische Kioske sein. Sie bieten viele Vorteile:
- inhabergeführte Strukturen
- enge Bindung zur Nachbarschaft
- zentrale Lagen in Wohngebieten
Durch die Anbindung an eine internationale Konbini-Kette könnten sie von professioneller Logistik, datengetriebenem Sortiment und effizienteren Prozessen profitieren. Allerdings erschwert die kleinteilige Struktur der Kioske den schnellen Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur.
Starke Konkurrenz im Lebensmitteleinzelhandel
Hinzu kommt: Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist hochentwickelt. Supermärkte und Discounter haben ihr Angebot an Convenience-Produkten in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Besonders in innerstädtischen Filialen zeigen sich bereits Parallelen zum Konbini-Prinzip.
Dennoch bestehen klare Unterschiede:
- Discounter sind auf den Wocheneinkauf ausgerichtet
- Konbini fokussieren sich auf spontane Einzelkäufe
- Zielgruppen, Besuchsfrequenz und Nutzungsmuster unterscheiden sich deutlich
Wo Konbini realistische Erfolgschancen hätten
Erfolgversprechend wären vor allem Standorte:
- in dicht besiedelten Wohnquartieren
- nahe Universitäten, Schulen oder Bürokomplexen
- mit hoher Fußgängerfrequenz
Gerade das wachsende Interesse an frischen, sofort verzehrbaren Mahlzeiten könnte Konbini zusätzlichen Rückenwind geben – nicht zuletzt aufgrund steigender Preise in der klassischen Gastronomie.
Fazit: Ein spannendes Konzept mit langem Atem
Konbini bringen ein bewährtes, datengetriebenes Handelsmodell mit, das perfekt auf urbane Lebensstile zugeschnitten ist. In Deutschland treffen sie jedoch auf einen stark regulierten und hochkompetitiven Markt.
Ob sich das Konzept durchsetzt, hängt maßgeblich davon ab, wie gut es gelingt, Standortwahl, Öffnungszeiten, Logistik und lokale Bedürfnisse miteinander zu verbinden. Ein schneller flächendeckender Erfolg ist unwahrscheinlich – ein schrittweiser, selektiver Markteintritt hingegen durchaus realistisch.
Für Euch als Konsument:innen bleibt es auf jeden Fall spannend: Vielleicht wird der Konbini an der Ecke künftig auch in deutschen Städten zum ganz normalen Bestandteil des Alltags.